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Was geht denn da ab?

Feminismus im Backstage

Auf der Bühne geht die Post ab. Junge Frauen singen Texte aus eigener Feder, die in Wort und Note ihr Lebensgefühl beschreiben. Texte, in denen die Erfahrung, zweite Sortierung zu sein, beschrieben ist und nicht einfach hingenommen wird. Laut, punkig, körperbewusst (auch mal das T-Shirt lüftend), fordernd und voller Spaß. Das Selbstbewusstsein des eigenen Könnens, die Lust auf Experiment und Provokation, die Wut über Zurückweisung und der Wunsch nach einem Leben in Liebe und Harmonie - in welcher Lebensform auch immer - wird dem Mikro anvertraut und begeisterte Fans singen mit.
Die Punk-feministische Bewegung der Riot Grrls, die in den 90er Jahren in den USA entstand, ist ein Ausgangspunkt der sogenannten Dritten Welle des Feminismus. Entwickelt hat sie sich als Reaktion auf die männliche Dominanz in der Musikszene. In Liedtexten und in Arbeiten anderer Kunstgenre geht es um weibliches Selbstbewusstsein, Abgrenzung von Rassismus, Diskriminierung und Globalisierungspolitik und die Schaffung von eigenen Netzwerken und Räumen in denen kulturelle Abwertung von Frauen reflektiert und kritisiert werden.
In „Ladyfesten“ finden Queertheorien, die sich  gegen die Festschreibung heterosexueller Normen wenden, eine praktische Umsetzung. Aus Nordamerika kommend, sind diese meist von Heteros, Lesben und Transgender organisierten feministischen Kunst- und Kulturfestivals für alle offen und inzwischen in vielen europäischen Ländern verbreitet mit dem Ziel neue Räume für ein feministisches Verständnis zu schaffen.
In Deutschland wurde in den letzten Jahren vielerorts der Feminismus als überholt erklärt. Ein schleichendes Roll-Back setzte ein und beschleunigt sich mit zunehmenden finanziellen Engpässen. Schwer erstrittene Förderungen von Frauen und Arbeitsbereiche, die für die Durchsetzung von Geschlechtergerechtigkeit und -sensibilisierung etabliert wurden, werden wieder abgeschafft, reduziert, umgewandelt. Das geschieht auf gesellschaftlicher, wie auf kirchlicher Ebene gleichermaßen. Inzwischen jedoch meldet sich auch hierzulande eine neue Frauengeneration zu Wort,  die noch immer bestehende diskriminierende Strukturen in ihren Alltagsrealitäten nicht akzeptieren will. Der Beginn der Dritten Welle wird in die Hochzeit der Auseinandersetzung um den demografischen Wandel - wobei den jungen und vermeintlich egoistischen Frauen die Schuld für zu wenig geborene Kinder zugewiesen wurde - und Eva Hermans Äußerungen zum Mutterbild terminiert.
Wie schon in der 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gibt es in der jungen Frauen-generation verbreitet Vorbehalte gegen traditionelle Formen der Politik: Gesetzgebungen allein können die Fragen von Diskriminierungen nicht lösen. Politik wird daher eher als ein kulturelles Phänomen verstanden. Hierbei spielen Kultur und Literatur, die Nutzung von Medien und Internet eine unübersehbare Rolle.  Bevorzugt werden lockere Formen der Vernetzung, die keine starren Festschreibungen und Entweder-oder-Lösungen anstreben, sondern zur Verbreitung eines feministischen Bewusstseins in der Gesellschaft beitragen. Die Schaffung einer Gegenöffentlichkeit zum Mainstream steht auf dem Programm und wird vielerorts mit dem Begriff „Popfeminismus“ umschrieben. Junge Frauen haben neue Formen der Kommunikation geschaffen, die vor allem im Kulturellen liegen und feministische Themen und Theorien in andere Formen transferieren.
So ist beispielsweise seit Oktober 2008 das „Missy Magazine“ auf dem Markt und erklärt zu seinem Selbstverständnis: „Feminismus ist passe´? We don’t think so.“. Und  an.schläge TV aus Wien formuliert: „Es geht uns um das Sichtbarmachen weiblicher Wirklichkeiten und Erfahrungen in einer männlich dominierten (Medien)Welt, um das Aufbrechen patriarchaler Strukturen und das Herstellen einer feministischen Gegenöffentlichkeit.“ Im Internet sind eine Unzahl von Blogs zu finden in denen über Themen wie Beziehungen, Sexualität, Freundschaft, Psychologie, Pop- und Subkultur, Politik, Ausbildung, feministischen Theorien, Frauen- und Geschlechterforschung, Geschlechterpolitik diskutiert wird.
Die „Alphamädchen“, ein Begriff, der inzwischen als Synonym für die um 1980 Geborenen steht und auf den Titel des gleichnamigen Buches von Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl zurückgeht, setzen die eigenen Lebenssituationen als Ausgangspunkt ihrer Reflektionen. Errungenschaften der Frauenbewegung wie straffreier Schwangerschaftsabbruch, Strafverfolgung bei Gewalt in der Ehe und Partnerschaft, die Pille werden wertgeschätzt, aber auch Kritik an der Abgrenzung gegenüber Männern, der Pornografie-Debatte oder einer undifferenzierten Islamdiskussion geübt. Die jungen Frauen wollen gemeinsam mit Männern leben und arbeiten, Kinder, Beruf und Familie vereinbaren und denken über alternative Lebensformen nach. Statt Frauenförderung, soll es Chancengleichheit für alle in Ausbildung und Beruf geben. Sexualität und Körperlichkeit wollen sie ausleben, haben Lust an Selbstdarstellungen ohne dabei mediale Vermarktungen wie beispielsweise in „Germanys Next Topmodel“ oder durch Kosmetikindustrie und Schlankheitswahn geschaffene Künstlichkeiten zu übersehen. Eine Antwort darauf ist auch Charlotte Roches Buch „Feuchtgebiete“.
Die von jungen Autorinnen verwendete Sprache macht den Einstieg nicht für alle Leserinnen und Leser leicht. Aus Schweden, dem Musterland der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, kam nun gar ein Roman (der gar kein Roman ist) mit dem Röte auf die Wangen treibenden Titel „Bitterfotze“ in die Buchhandlungen. Nicht genug damit, durch Roches’ Buch mit jeder Menge körperlicher Unappetitlichkeiten, die wir im Schönheitswahn längst aus unserem Bewusstsein und uns nicht betreffend gestrichen hatten, konfrontiert zu werden. Nun auch noch ein höchst obszönes Wort mitten auf einem weiteren Buchcover. Maria Svelands Hauptfigur, eine junge Mutter, beschreibt, wie die angeblich mögliche Vereinbarkeit eben für sie doch nicht so gut zu vereinbaren ist. Irritiert stellt sie fest, dass auch sie selbst immer wieder in Rollenklischees verfällt, der Kindesvater weiterhin relativ ungestört und selbstverständlich an seiner Berufskarriere baut, während sie eher über Erfahrungen in Kurzzeitjobs verfügt und die Krankenkasse Kinder betreuende Väter zu Helden der Gesellschaft stilisiert.
Die genannten Veröffentlichungen provozieren mit Erfolg  - und das ist gut.  So war beispielsweise die Veröffentlichung von „Feuchtgebiete“ für Theresia Heimerl Anlass, den theologischen Diskurs zum Körper neu aufzunehmen.
Junge Frauen fühlen sich von evangelischer Frauenarbeit meist wenig angesprochen und eine schön gestaltete Mitte wird vermutlich kaum etwas daran ändern. Aber es sollte eine Herausforderung und Aufgabe sein, sie zu entdecken, sich mit ihren Themen, ihren kulturellen Ausdrucksformen auseinander zu setzen, ihre Erwartungen aufzunehmen, ihre Erfahrungen wert zu schätzen und mit ihnen über Feminismus zu reden. Das geht sicher nicht ganz ohne Spannungen, aber super spannend kann es werden.

Erschienen in: efa - Evangelische Frauenarbeit in Österreich, 2/2009

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