Herausgeberinnen: Gisela Matthiae, Renate Jost, Claudia Janssen, Annette Mehlhorn, Antje Röckemann in Verbindung mit: Kristin Bergmann, Angelika Fromm, Mieke Korenhof, Anna Karena Müller, Hildburg Wegener, Kathrin Winkler
Verlag: Gütersloher Verlagshaus 2008
Das Buch „Feministische Theologie. Initiativen, Kirchen, Universitäten – eine Erfolgsgeschichte“ ist ein Projekt der Initiative tempo! zur Institutionalisierung Feministischer Theologie, an dem über 60 Autorinnen mitgewirkt haben. Es dokumentiert auf 400 Seiten die über 30jährige Geschichte der Feministischen Theologie in Deutschland und ermöglicht Einblicke in eine aktive Bewegung. Es soll dazu beitragen, dass Feministische Theologie weiter und gezielter im kirchlichen und gesellschaftlichen Mainstream verankert wird. Es lädt dazu ein, die erstaunliche Fülle von Initiativen, Institutionalisierungen und Forschungen, die in den letzten 30 Jahren entstanden sind, wahrzunehmen und weiter zu entwickeln. Wer über die Zukunft des Protestantismus nachdenkt, kommt an Fragen der Geschlechtergerechtigkeit und deren bereits institutionalisierte Formen – und damit an diesem Buch – nicht vorbei!
Die Herausgeberinnen stellen die wichtigsten Inhalte und Ergebnisse der von ihnen verantworteten Kapitel vor:
Kapitel 1: Initiativen, Netzwerke, Vereine
Die Basisbewegung im Über-Blick
Das erste Kapitel der „Erfolgsgeschichte“ stellt die wichtigsten Initiativen, Projekte und Vereine vor, es ist die erste Gesamtdarstellung ihrer Art.
Feministische Theologie wurde zunächst in autonomen Gruppen und freien Initiativen entdeckt und entwickelt. 1981 gründete sich die vermutliche älteste Initiative, die Arbeitsgemeinschaft Feminismus und Kirchen. Seither entstanden viele lokale, regionale, bundesweite und internationale Initiativen, viele gaben sich die Form eines eingetragenen Vereins, viele bestehen bis heute.
Eine der wichtigsten Initiativen ist die Zeitschrift Schlangenbrut, in der seit 1983 die Entwicklung feministischer Theologie dokumentiert wird. Diese Zeitschrift war damit auch eine der wichtigsten Quellen für die Recherche nach weiteren Initiativen. Schlangenbrut leistet bis heute einen unverzichtbaren Dienst bei der Verbreitung feministisch-theologischer Themen und als unabhängiges Forum feministisch und religiös interessierter Frauen. Neben dieser Zeitschrift gibt es weitere Projekte, die sich um die Publikation feministisch-theologischer Inhalte verdient machen.
Eine weitere Gruppe von Initiativen hat die wissenschaftliche Profilierung Feministischer Theologie zu ihrem Schwerpunkt gemacht, die wichtigste ist die Europäische Gesellschaft für Theologische Forschung von Frauen (ESWTR), die seit 1986 tätig ist. In der DDR wurde parallel der Arbeitskreis Feministische Theologie ins Leben gerufen. Die ESWTR hat die theologische Lehre und Forschung von Frauen in ganz Europa gefördert und ist unverzichtbar geworden für den internationalen Fachaustausch.
Vernetzungsarbeit und Kommunikation gehören ins das Zentrum einer weiteren Gruppe von Vereinen und Initiativen. Dazu gehört vor allem die Frauensynodenbewegung, die feministisch-theologische Initiativen national und europaweit vernetzt. Sie bringt zentrale Themen für die Feministische Theologie in die Öffentlichkeit und fördert die Umsetzung in (kirchen-) politisches Handeln.
Die Weiterarbeit der Initiativen an der Institutionalisierung Feministischer Theologie in ihren unterschiedlichen Formen ist ein wesentlicher Beitrag an einer ekklesia semper reformandum im 21. Jahrhundert.
Antje Röckemann
Kapitel 2: Die Kirche als Ort Feministischer Theologie
Institutionalisierung vertiefen – Zukunftsperspektiven
Die Kirche ist ein, wenn nicht der zentrale Ort Feministischer Theologie. Denn hier, wo es um gelebten Glauben, Glaubenstradierung, Gemeinschaft miteinander und vor Gott und nicht zuletzt um verlässliche Strukturen geht, haben Frauen in den letzten Jahrzehnten selbstbewusst und engagiert Kirche gestaltet. Geleitet von der Überzeugung, dass gerade Kirche kein Ort sein darf, an dem aus biologischen Unterschieden auch Unterschiede der Beteiligung und Bewertung gemacht werden (Gal 3,28), haben sie die zentralen theologischen und kirchlichen Themen bearbeitet und in konkrete Handlung umgesetzt.
In den Frauenverbänden wurden erste Veröffentlichungen Feministischer Theologie aufgegriffen, diskutiert und weiter verbreitet. Es waren die evangelischen Akademien, an denen sich seit Ende der 70er Jahre Frauen zu feministisch-theologischen Werkstätten sammelten. Sie sind auch heute noch herausragende Orte feministisch-theologischer Bildung von Frauen, ebenso wie das Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD (FSBZ). Das zeigen konkrete Angebote wie Langzeitfortbildungen und das in allen Landeskirchen teilweise zum mehrfach mit großer Resonanz durchgeführte Fernstudium Feministische Theologie.
Die religionspädagogische Arbeit nimmt die besondern Sozialisationsbedingungen von Jungen und Mädchen in den Blicksorgt damit für einen starken Lebenswelt- und Biographiebezug der Theologie. Gottesdienste werden durch besondere Angebote von Frauen wie Dekadesonntage, Frauensonntage, Mirjamsonntage und mit langer Tradition die Weltgebetsbewegung liturgisch und theologisch neu belebt. Die liturgische Sprache wird erneuert; theologische Konzepte von Abendmahl, Kreuz und Trinität werden neu aufgegriffen und reflektiert. Eine zentrale Schalt- und Koordinierungsstelle stellen dafür die Frauenreferate, die inzwischen zu Gleichstellungsreferaten oder Referaten für Chancengerechtigkeit geworden sind, dar. Von hier aus werden Personalentwicklungspläne, gender-gerechte Haushaltspläne eingebracht, Mentoringprogramme durchgeführt, Prüfungsordnungen gendergerecht überarbeitet und Runde Tische Feministische Theologie initiiert.
Auch wenn Geschlechtergerechtigkeit noch nicht in allen Bereichen von Kirchen als Querschnittsthema erkannt und seiner Verwirklichung gearbeitet wird, zeugen die aufgeführten Einblicke von der Veränderungsbereitschaft einer Kirche, die Gerechtigkeit vertritt und praktiziert und darin die Gemeinschaft von Frauen und Männern stärkt.
Dr. Gisela Matthiae
Kapitel 3: Feministische Theologie an Universitäten und kirchlichen Hochschulen
Denkhorizonte erweitern
Feministische Theologie als eigenes Fach bzw. Disziplin wird im evangelischen Bereich bisher nur an wenigen deutschen Universitäten gelehrt, eine Professur für Feministische Theologie existiert bisher nur an der Augustana Hochschule in Neuendettelsau. Doch finden Inhalte und Methoden Feministischer Theologie mittlerweile vermehrt Eingang in theologische Lehre und Forschung.
Die Vielzahl der in den letzten Jahren entstandenen Forschungs- und Qualifizierungsarbeiten ist ein sichtbares Zeichen für die wachsende Relevanz feministisch-theologischer Forschung im akademischen Bereich. Standardwerke wie das Wörterbuch der Feministischen Theologie oder das Kompendium Feministische Bibelauslegung bündeln die Ergebnisse der Forschung und werden international rezipiert.
Feministische Theologie ist an den Universitäten unverzichtbar, weil sie Denkhorizonte und Inhalte entwickelt, die Genderthematik sowohl kulturell als auch institutionell zu analysieren. Um die Zukunftsfähigkeit von Theologie angesichts der aktuellen Herausforderungen und Veränderungsprozessen an den Universitäten zu gewährleisten und gefasste Beschlüsse der EKD zur Frauenförderung zu realisieren, sind folgende Schritte zur Institutionalisierung Feministischer Theologie notwendig:
Die derzeit von Landeskirchen eingerichteten Stellen für Feministische Theologie sollten erhalten und ausgebaut werden. Die Dozentur für Feministische Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal sollte eine Professur werden.
Auch die anderen Landeskirchen könnten Professuren für Feministische Theologie/Theologische Frauenforschung/Genderstudien an einer universitären Einrichtung in ihrem Einzugsbereich finanzieren, die mit einer Pfarrerin/einem Pfarrer mit Habilitation oder entsprechender Qualifikation besetzt wird.
Zurzeit gibt es einen Frauenanteil in den Professuren (C4/W3) von ca. 7-12% an deutschen theologischen Fakultäten und Fachgebieten. Dieser sollte langfristig auf 50% erhöht wird. Dies entspräche auch der Geschlechterverteilung bei den Studierenden. Um dies zu erreichen, müssen entsprechende Fördermöglichkeiten (Promotions- und Habilitationsstellen) eingerichtet werden. Ein erster Schritt wäre die Veränderung der Prüfungsordnungen.
Der theologische Fakultätentag sollte Feministische Theologie/Theologische Frauenforschung/Genderstudien verpflichtend für die theologische Ausbildung verankern.
Ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Institutionalisierung Feministischer Theologie könnte die Einrichtung eines Instituts für Feministische Theologie bzw. Gender-Studies auf EKD-Ebene werden. Hier könnten die verschiedenen wissenschaftlich-theologischen Disziplinen und Ansätze interdisziplinär diskutiert und weiterentwickelt und Konzepte zur strukturellen Umsetzung in der kirchlichen Arbeit der EKD entwickelt werden.
PD Dr. Claudia Janssen, Prof. Dr. Renate Jost
Kapitel 4: Feministische Theologie und Praxis in der christlichen und interreligiösen Ökumene
Global, interreligiös und dialogoffen
Das vierte Kapitel geht von der Notwendigkeit aus, „den Begriff der Ökumene künftig global und interreligiös neu zu füllen“ (S. 294) Darum werden „feministische Wegmarken zu einer religiös dialogoffenen Ökumene“ gesetzt (S. 295). Grundlage dafür ist die Haltung, dass „Christliche Feministische Theologie im globalen Kontext sich verantwortlich und dialogoffen gegenüber feministischem Denken in anderen Religionen und Kulturen (weiß). Sie versucht, gemeinsame Interessen zu erkennen und zu benennen, ohne Unterschiede zu leugnen.“ (S. 295).
Forderungen, die sich aus dem interreligiösen Dialog zwischen Frauen ergeben:
Die Macht- und Dominanzfrage muss als wesentliche Grundlage eines kritischen Dialogs der Religionen erkannt werden. Dies gilt für alle Fragen religiös-kultureller Vielfalt, also im Blick auf Geschlecht, Rasse, Religion, Alter, Gesundheit, sexuelle Orientierung.
Die Entwicklung einer Hermeneutik der Heiligen Schriften, die die Geschlechterfrage berücksichtigt und ideologisch einseitig an patriarchalen Interessen orientierte Zugänge zu den Heiligen Schriften überwindet, muss institutionell gefördert werden.
Eine an Menschenrechten orientierte Gleichstellung der Geschlechter in den Religionsgemeinschaften muss innerhalb dieser Gemeinschaften und im interreligiösen Dialog auf die Tagesordnung gesetzt werden. Dazu gehört die gleichberechtigte Mitwirkung von Frauen und Männern, einschließlich feministischer Wissenschaftlerinnen und Expertinnen auf allen Ebenen religiöser und interreligiöser Organisationen, auch im Blick auf die geistliche Verantwortung von Frauen.
Interreligiöse Fraueninitiativen, die „motivierten Frauen Möglichkeiten (bieten), einen wichtigen Beitrag zu religiöser, kultureller und sozialer Verständigung in einem Europa der Differenz und Vielfalt zu leisten.“ (S.355), müssen mit finanziellen, personellen und räumlichen Mitteln gefördert werden.
Der Ignoranz gegenüber den Rechten von Frauen und Kindern in globalen multireligiösen Verbänden ist deutlich entgegen zu treten (S. 363), gerade weil die Verletzung der Menschenrechte von Frauen und Kindern häufig religiös begründet wird.
Das Zusammenspiel zwischen institutionalisierten und reformierenden Kräften wird auch in Zukunft gebraucht. Dafür bedarf es der Institutionalisierung feministischer Anliegen und der Offenheit und Unterstützungsbereitschaft von freien Initiativen durch Menschen, die in den Institutionen verankert sind.
Dr. Annette Mehlhorn
Eine Einrichtung des Comenius-Instituts im Arbeitsbereich Gender / www.comenius.de

