Die Räume im FSBZ tragen die Namen bedeutender Frauen. Sie stehen jeweils für einen wichtigen Aspekt des Profils unserer Arbeit. Die Räume heißen:
Anna Paulsen (1893-1981)
25. Todestag am 30. Januar 2006
Anna Paulsen spielte eine Vorreiterinnenrolle auf dem Weg von Frauen nicht nur ins Pfarramt, sondern auch in die wissenschaftliche Forschung und Leitungsverantwortung in der Kirche.
Sie wurde am 29. März 1893 als älteste von vier Töchtern einer Pastorenfamilie in Hoirup, Nordschleswig, geboren.
Der Vater spielte in ihrer Kindheit eine zentrale Rolle, obwohl er starb als sie erst 11 Jahre alt war. Er weckte ihr Interesse an Theologie und Wissenschaft und ließ sie mit pädagogischem Geschick an seinen Gedankengängen teilhaben.
Als Jugendliche entfremdete sich A. Paulsen zunehmend vom Elternhaus: „In der Krise der Pubertätszeit und schon früher erwachten bei mir so viele Zweifel und Probleme, dass es mir ganz unmöglich schien, das zu glauben, was im Elternhaus als Wahrheit vertreten worden war. Der Religionsunterricht in der Schule mit seiner bibelkritischen Haltung und seinem nicht geistlosen Ästhetizismus fiel darum bei mir auf einen guten Nährboden“.
Das Theologiestudium war für A. Paulsen eine Möglichkeit, der „Wahrheit“ auf den Grund zu gehen und existentielle Fragen, die durch den Kriegsausbruch 1914 noch verstärkt wurden, zu bearbeiten.
1916 begann sie ein Lehramtsstudium in Kiel mit den Fächern Religion, Deutsch und Geschichte, entschied sich dann aber nach Kriegsende 1918 als eine der ersten Frauen für das theologische Vollstudium, obwohl das Pfarramt Frauen noch verschlossen war.
Nach ihrem Fakultätsexamen 1921 arbeitete sie an einer Dissertation über das protestantische Schriftprinzip, die sie 1924 mit magna cum laude abschloss.
1925 wurde A. Paulsen an das Burckhardthaus in Berlin-Dahlem berufen. Dort baute sie das „Seminar für kirchlichen Frauendienst“ mit auf, wo junge Frauen als Gemeindehelferinnen ausgebildet wurden. A. Paulsen leitete die Ausbildungsstätte bis 1945.
Einerseits legte sie größten Wert darauf, dass dieser junge Frauenberuf nicht nur ein pfarramtlicher Hilfsdienst war. Andererseits stellte sie die damals übliche geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und damit die Unterordnung der Gemeindehelferinnen unter den Pfarrer nicht in Frage.
Nach Kriegsende widmete sich A. Paulsen vermehrt wissenschaftlicher Arbeit, nämlich dem Studium Kierkegaards. Dieser Theologe war und blieb von zentraler Bedeutung für ihr theologisches Denken einschließlich ihres Engagements in der Frauenfrage; die Erkenntnis der grundlegenden Bedeutung des persönlichen Gottesverhältnisses für das Personsein und damit die Identität des Menschen hat sie von Kierkegaard gelernt. Mit Hilfe dieses Gedankens trat sie der weit verbreiteten Vorstellung entgegen, das Geschlecht sei Kriterium des Personseins, was im Zuge der NS-Ideologie dazu führte, den Wert der Frau über ihre Gebärfähigkeit zu definieren.
Infolge der beiden Weltkriege gewann dieses Thema dadurch an Aktualität, dass der Anteil unverheirateter Frauen anstieg. A. Paulsen war ihrer Zeit darin weit voraus, die Gleichwertigkeit der Ehe und der Ehelosigkeit theologisch zu begründen und somit auch im kirchlichen Kontext einzufordern. Dabei stützte sie sich vor allem auf Jesus selbst (Mt 19,1-12) und Paulus (1. Kor 6,18-20; 7): “Ehelosigkeit ist kein status deficiens, sie ist auch nicht nur das Negativ der Ehe, sondern eine eigenständige Lebenslage, ein vollgültiger Weg zu menschlicher Reife“.
1953 erfuhr die wissenschaftliche Tätigkeit A. Paulsens durch die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät Kiel eine besondere Würdigung.
Von 1951 bis 1959 wurde A. Paulsen in die Kirchenkanzlei der EKD berufen, um dort als erste Frau ein Frauenreferat aufzubauen: Es ging um Richtlinien für die Ämter der Frau in der Kirche im Allgemeinen und um den Dienst der Theologin im Besonderen.
Auch auf diesem Gebiet war es A. Paulsen ein Anliegen, ihren Einsatz für Frauen im Pfarramt biblisch zu begründen. Dabei wandte sie sich erstmals gegen ein wörtliches Verständnis der Paulus zugeschriebenen Gebote vom Schleiertragen im Gottesdienst (1. Kor 11,2ff), vom Schweigen der Frau in der Gemeinde (1. Kor 14,34-36) und vom Verbot der Lehre für Frauen (1. Tim 2,11-15): Diese Stellen seien in ihrem tieferen Sinn zu verstehen, wonach die Unterordnung als innere Haltung der Frau zu verstehen sei; diese Haltung könne in einer veränderten äußeren Situation jedoch auf andere Weise zum Tragen kommen, nämlich grade dadurch, dass die Frau das Wort ergreift.
Ihren Lebensabend verbrachte A. Paulsen zusammen mit ihrer Schwester Juliane in Schleswig, wo sie am 30. Januar 1981 nach einem erfüllten Leben mit 88 Jahren starb.
Anna Paulsen hat unter schwierigen Bedingungen für die Sache der Frauen gekämpft und einen wichtigen Beitrag zur Öffnung des Pfarramts für Theologinnen geleistet.
So vermag sie auch heute noch Frauen zu ermutigen und zu bestärken, die gegen hemmende Strukturen in Kirche und Gesellschaft kämpfen.
Das Frauenstudien- und -bildungszentrum der EKD in Gelnhausen trägt deshalb zu Recht den Namen Anna-Paulsen-Haus.
Anja Wessel
Dr. Christine Bergmann
Sachwalterin für Gleichstellungsfragen der EKBO.
Den folgenden Text zu Regine Hildebrandt hat Dr. Christine Bergmann anlässlich der Einweihungsfeier der neuen Räume des Frauenstudien- und -bildungstentrums in der EKD als Grußwort geschickt:
Liebe Mitarbeiterinnen des FSBZ, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter für eine geschlechtergerechte Kirche
Da es mir leider nicht möglich ist, heute mit Ihnen allen die Einweihung der neuen Räume zu feiern, auf diesem Wege meine herzlichsten Glück- und Segenswünsche für die Arbeit an einem neuen Ort.
Ich möchte dies verbinden mit einem Dank für die vielen Jahre engagierter und hartnäckiger Arbeit auf einem Feld, das immer, wie wir alle erfahren haben, um die notwendige Anerkennung und Wertschätzung kämpfen musste. Als Realistinnen wissen wir, dass die Arbeit am „gender“-Thema nicht unbedingt leichter werden wird und die feministischen Erfahrungen und auch das feministische Herz braucht.
Die erbitterten Debatten um die Bibel in gerechter Sprache haben sehr deutlich gezeigt, wie viel Entwicklungsarbeit noch nötig ist, um erst einmal zu einem Genderbewußtsein zu kommen.
Ich wünsche Ihnen allen (und uns auch) dabei viel Kraft und Durchhaltevermögen, Weisheit und Humor und Gottes guten Geist.
Eine Kirche, für die Geschlechtergerechtigkeit auch im Handeln selbstverständlich und erkennbar ist, kann glaubwürdig Leuchtfeuer sein.
Einer Ihrer neuen Räume wird den Namen von Regine Hildebrandt tragen, der „Kämpferin mit Herz“. Das ist sicher nicht nur mir mir eine große Freude
Regine, die unvergessene und unermüdliche Streiterin für soziale Gerechtigkeit. Sie hat nie aufgegeben, wenn sie etwas durchsetzen wollte. Ich erinnere mich an manche Situation, in der eigentlich die Würfel längst gefallen waren, die Mehrheiten gegen unsere Vorschläge für mehr Arbeitsmarktinstrumente. Sie nahm immer wieder einen neuen Anlauf und hat es oft noch geschafft, das Blatt zu wenden durch ihre Überzeugungskraft; manchmal auch, weil sie den längeren Atem hatte.
Sie hat Brücken gebaut zwischen Ost und West und vor allem immer wieder Menschen Mut gemacht, gegen Resignation gekämpft, sie ermutigt, gemeinsam mit anderen etwas zu verändern. Sie hat das geschafft, auch noch als sie selbst todkrank war.
Regine hatte ein klare Vorstellung von einer lebenswerten solidarischen Gesellschaft. Sie wollte, dass alle Menschen, insbesondere auch die Jugendlichen, ihren Platz finden, an dem sie etwas leisten können, gebraucht werden, auch für andere Verantwortung nehmen können.
Wer die Familie Hildebrandt kennt, weiß, wie wichtig für Regine die Familie war und wie sehr sie auch ihre Familie geprägt hat. Aber volle engagierte Arbeit im Beruf und später in der Politik gehörten selbstverständlich zu ihrem Leben dazu.
Ich höre noch ihren deutlichen Kommentar zu dem Ausspruch von West-Männern über die (unselige) „Erwerbsneigung der Ost-Frauen als Ursache der hohen Arbeitslosigkeit“. Regine dazu: „Manche Frauen neigen zur Hysterie, wir neigen zum Erwerb.“
Ich denke, dass das Erinnern an Regine Hildebrandt, einer Frau unserer Kirche, auch der Arbeit in diesem Raum gut tun wird.
Mit besten Grüßen und allen guten Segenswünschen
Christine Bergmann
Berlin, 17.Mai 2008
Dr. Kirsten Beuth, FSBZ
Den folgenden Text zu Mascha Kaléko hat Dr. Kirsten Beuth anlässlich der Einweihungsfeier der neuen Räume des Frauenstudien- und -bildungstentrums in der EKD am am 17.5.08 formuliert. Das Trio "Cheek to cheek" trug bei der Feier ein vertontes Gedicht von Mascha Kaléko vor.
Ich möchte Ihnen die Musikanten des heutigen Abends vorstellen:
Die beiden sind die Hälfte des Jazztrios „Cheek to cheek“. Und wenn zwei die Hälfte von drei sind, so liegt das nicht nur an meiner mathematischen Unbedarftheit, sondern daran, dass mit dem Trio drei Sängerinnen gemeint sind und der Pianist glattweg unterschlagen wird…
Uta Runne studierte an der Musikhochschule Frankfurt am Main und belegte mehrere internationale Meisterkurse. Sie arbeitet als klassische Sängerin, aber auch genreübergreifend und ist in verschiedene Theaterprojekte involviert. Momentan pendelt sie beruflich zwischen Berlin und Frankfurt.
Frank Rosenberger absolvierte ebenfalls seine Ausbildung an der Musikhochschule in Frankfurt am Main. Er konzertiert als Pianist, Organist und Bandeonist eines Tango-Ensembles. Er war schon als Bühnenmusiker an den Staatstheatern in Wiesbaden und Gießen tätig.
Wir kennen uns aus der Arbeit an einem gemeinsamen Theaterprojekt mit dem Titel „Bananenrock und Federboa“, das zumindest die Kolleginnen aus Bad Boll schon mal gesehen und gehört haben.
Gedicht: Einmal sollte man…
Aus: „Lyrisches Stenogrammheft“, erster Sammelband der Künstlerin 1933 bei Rowohlt erschienen.
Wie Sie inzwischen wissen, haben wir die neuen Räume des FSBZ mit Namen berühmter Frauen versehen. Unser Wissenschaftlicher Beirat hat gemeinsam mit uns Studienleiterinnen diese Auswahl getroffen.
Und Kunst gehörte immer zu unserer Arbeit dazu.
Das spiegelt sich beispielsweise in Ausstellungen, die inzwischen zur Tradition des FSBZ geworden sind. So konnten Sie vorhin in unserem Flur Arbeiten von Fanna Kolarova sehen. Sie ist einigen von Ihnen vielleicht auch bekannt als die Künstlerin, die die Skulptur vor der Marienkirche in Gelnhausen schuf. Das war eine Auftragsarbeit aus Anlass des 400. Todestages der als Hexe verbrannten Elisabeth Strupp.
Aber auch andere künstlerische Genre durch ziehen unsere Arbeit und bei der Suche nach einer Repräsentantin hierfür fiel die Wahl auf die Lyrikerin Mascha Kaléko.
Warum ich heute Abend schon kurz etwas zu Mascha Kaléko sage – wo doch eigentlich der morgige Vormittag den Namensgeberinnen vorbehalten ist - hat mit einer Besonderheit zu tun:
Aus Anlass der Einweihung unserer neuen Räume hat der Komponist Jens Hubert zwei Gedichte der Lyrikerin vertont und Uta Runne und Frank Rosenberger haben die Lieder einstudiert.
Der Komponist kann heute leider nicht anwesend sein, ich möchte ihn aber dennoch in kurzen Stichpunkten vorstellen: Jens Hubert ist Jahrgang 1973, hat an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt und an der Musikhochschule in Frankfurt am Main studiert. Es gibt Kompositionen und Arrangements für Streichquartett und Bigbands von ihm und er hat bereits Gedichte von Ingeborg Bachmann und Ricarda Huch vertont.
Sie hören jetzt die Vertonung des Gedichts „An mein Kind“ aus dem Band „Verse für Zeitgenossen“, 1945 im Schoenhof Verlag, Cambridge / Massachusetts erschienen.
Geboren wird sie als Golda Malka Aufen, heißt mit 15 Jahren – nach der späten Heirat der Eltern – Mascha Engel und wird schließlich als Mascha Kaléko bekannt.
Sie kommt in Galizien zur Welt, ihre Mutter ist österreichischer, ihr Vater russischer Herkunft. Die Familie flüchtet 1914 vor Pogromen zunächst nach Frankfurt am Main, dann nach Marburg und 1918 schließlich nach Berlin.
1925 beginnt Mascha eine Lehre im Büro des „Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands“ und belegt Abendkurse in Philosophie und Psychologie an der Lessing-Hochschule und der Friedrich-Wilhelm-Universität, der heutigen Humboldt-Uni. Dort lernt sie auch ihren ersten Mann, den Philologen Saul Aaron Kaléko kennen. Durch die Heirat 1928 ist sie „befreit“ von der ungeliebten Büroarbeit und kann sich ihrer eigentlichen Passion, dem Schreiben von Gedichten widmen.
Sie veröffentlicht nun Gedichte im „Querschnitt“, in der „Vossischen Zeitung“, im „Berliner Tageblatt“ und gehört zur Berliner Boheme um das „Romantischen Café“, dem Treffpunkt linker Künstler. Hier geben sich Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz, Bertolt Brecht und natürlich auch Else Lasker-Schüler – der Prinz von Theben – ein Stelldichein. Mascha Kaléko hat mit ihren Gedichten Erfolg: sie spiegeln den Alltag mit Witz, Ironie und einer Prise Melancholie.
Sie hat sich inzwischen auch das Berlinerische angewöhnt. Es ist ihr wichtig durch den Dialekt dazuzugehören und ihre galizische Herkunft zu verschweigen. Denn: aus Galizien kommt man nicht – daher kommt das jüdische Proletariat.
Die Endzwanziger Jahre sind für die Lyrikerin eine produktive und erfolgreiche Zeit, aber diese Zeit ist kurz bemessen.
1933 erscheint Kalékos erster Gedichtband - „Das lyrische Stenogrammheft, zwei Jahre später das „Kleine Lesebuch für Große“. Dieser zweite Sammelband wird von den Nazis noch in der Druckerei konfisziert. Mascha Kaléko steht als Jüdin mit ihren Gedichten auf der „Liste des schändlichen und unerwünschten Schrifttums“. Ihre Karriere als Berliner Großstadtdichterin ist beendet.
Sehr spät, 1938, emigriert sie mit ihrem zweiten Mann, dem Komponisten, Dirigenten und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver und ihrem gerade geborenen Sohn nach New York. Dort unterstützt sie vor allem die künstlerische und wissenschaftliche Arbeit ihres Mannes und bezeichnet sich selbst als „Karrierehelferin“. Ihre eigene Karriere blieb dabei auf der Strecke. Für den Lebensunterhalt reimt sie Reklametexte.
Nach dem 2. Weltkrieg hat Mascha Kaléko in Deutschland nochmals ein kurzes Comeback: ihre Gedichte werden wieder erfolgreich veröffentlicht, sie reist zu Lesungen und Vorträgen.
1959 soll ihr der Fontane Preis der Westberliner Akademie der Künste verliehen werden, sie lehnt ab. Der Grund: das Jurymitglied, der Lyriker Hans Egon Holthusen, ist ein ehemaliges SS-Mitglied. Mit diesem couragierten Schritt erlöscht das öffentliche Interesse an Mascha Kaléko in Deutschland wiederum.
Sie folgt 1966 aus Liebe ihrem Mann nach Israel, wohin sie selbst nie wollte. Die Künstlerin lebt dort in Einsamkeit und Isolation, die sich nach dem Tod ihres Sohnes 1968 und fünf Jahre später ihres Mannes noch verstärkt.
Sie war eine Wandernde, die man zum Wandern trieb. Sie verließ Galizien, sie verließ Deutschland, sie verließ Amerika und starb schließlich in der Emigrantenstadt Zürich.
Sie konnte ihre Sprache nicht überall mit hin nehmen.
Exil bedeutet für eine Lyrikerin den Verlust der eigenen Sprache, Verlust der Grundlage ihrer Arbeit, ihrer Tradition und Kultur, ihrer Wurzeln.
Mascha Kaléko war eine zeitlebens Entwurzelte, eine Unbehauste – als Jüdin und als Dichterin.
Marielisa von Thadden, Bad Boll
Den folgenden Text über Marga Bührig trug Marielisa von Thadden anlässlich der Einweihungsfeier der neuen Räume des Frauenstudien- und -bildungstentrums in der EKD am 18.5.08 vor:
Dass ich hier als „Zimmerpatin“ Marga Bührig vorstellen darf, ist im Grunde verwegen. Ich habe sie selbst nie kennen gelernt, spät ihre Bücher gelesen und nahe gekommen bin ich ihr höchstens über ihre Freundin und Lebenspartnerin Else Kähler mit der ich Ende der achtziger Jahre bei gesamtdeutschen Frauentagungen genussvolle Pausen in der Raucherinnenecke verbrachte. Zur Auseinandersetzung mit ihren Beiträgen zur feministischen Theologie wären andere wie Claudia Jansen – deren Büro nach Marga Bührig benannt wird - eher berufen , ist sie doch eine der Trägerinnen des Marga Bührig Preises. Auch Herta Leistner hätte aus eigenen Begegnungen und Gesprächen berichten können. Als sie noch Bad Boller Studienleiterin war, fuhr sie nach Boldern oder auch in den Schwarzwald und ließ sich von Marga Bührig beraten – etwa bei der Frage, wie in Bad Boll eine Tagung für Lesben zu etablieren sei.
Es gibt aber etwas, dass Marga Bührig und mich verbindet, aber um den Spannungsbogen zu halten, komme ich erst später darauf zurück.
Marga Bührigs Biographie ist vielen von uns vertraut durch ihre großartige Autobiographie: „Spät habe ich gelernt, gerne Frau zu sein“, die 1987 erschien oder auch durch ihr Portrait, dass der Württemberger Ökumeniker und ebenfalls Bad Boller Studienleiter Werner Simpfendörfer Anfang der neunziger Jahre in seinem Bändchen: „Frauen im ökumenischen Aufbruch“ zeichnete. Daher gebe ich nur einen kurzen Abriss ihres Lebenslaufes:
Geboren am 17. Oktober 1915 in Berlin, aufgewachsen in Chur,
1934 Matura, Studium der Germanistik und der Neueren Geschichte in Zürich, Bern und Berlin,
1939 Abschluss an der Universität Zürich mit dem Mittelschullehrerdiplom und dem Dr. phil. Während des Krieges Vertretungen als Deutschlehrerin an verschiedenen Schulen, journalistische Tätigkeit, berufsbegleitendes Studium der evangelischen Theologie in Zürich. 1945 Gründung des Reformierten Studentinnenhauses in Zürich, einer Wohngemeinschaft von Studentinnen "im Zeichen des Evangeliums. Heute Boldernhaus Zürich.
1948 Mitgründerin des Evangelischen Frauenbundes der Schweiz, eines Dachverbands von evangelischen Frauengruppierungen verschiedenster Art in der deutschen und der französischen Schweiz. Redaktorin seiner Zeitschrift (heute "Schritte ins Offene").
1954 Delegierte an die Vollsammlung des Reformierten Weltbunds in Princeton/USA. Ernannt zu dessen Mitarbeiterin für Frauenfragen.
Anschließend als Gast an der 2. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Evanston/USA.
1958 aktive Mitarbeit an der SAFFA, der Ausstellung "Die Schweizer Frau, ihr Leben, ihre Arbeit".
1959 Berufung ans Evangelische Tagungs- und Studienzentrum Boldern, Männedorf und Zürich (zusammen mit Dr. Else Kähler).
1959-71 Studienleiterin,
1971-81 Leiterin des Gesamtwerkes.
1976-82 Präsidentin der Ökumenischen Vereinigung der Akademien und Tagungszentren in Europa.
Ende der 70er-Jahre. Mitbegründerin der Frauen für den Frieden Zürich und Schweiz.
1975-93 regelmäßige Sprecherin der Worte "Zum neuen Tag" bei Radio DRS.
1983-91 eine der sieben Präsidentinnen und Präsidenten des Ökumenischen Rates der Kirchen.
1988-90 Moderatorin der Vorbereitungsgruppe für die Weltkonferenz des Ökumenischen Rates "Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung", Februar 1990 in Seoul. Co-Leiterin der Konferenz.
1983 Umzug nach Binningen/ BL zusammen mit Else Kähler und Elsi Arnold.
1998 Dr. h.c. der Theologischen Fakultät der Universität Basel.
1994 Kulturpreis Baselland.
Am 13. Februar 2002 ist Marga Bührig gestorben und wurde in Binningen bei Basel beerdigt.
Dass sie zu den Frauen gehört, deren hier durch die Namensgebung eines Raumes gedacht wird, freut mich aus zwei Gründen:
Während der Vorbereitungsphase zur Gründung des Frauen Studien- und Bildungszentrums hat Herta Leistner in der Gruppe immer wieder auf die Notwendigkeit verwiesen mehr Studienleiterinnen an die Evangelischen Akademien zu bringen und die damals zahlenmäßig schwachen Tagungsleiterinnen durch Fort- und Weiterbildung bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Ende der achtziger Jahre waren es meiner Erinnerung nach nur rund 10 % Frauen, die an den Akademien in diese Positionen gelangt waren. Von Direktorinnen war weit und breit in der Bundesrepublik Deutschland damals – und heute sieht es da nicht viel besser aus! – keine zu sehen. Da war es eine Ermutigung, dass die renommierte Akademie in Boldern zehn Jahre lang erfolgreich von einer Frau geführt wurde.
Zum anderen war Marga Bührig sechs Jahre lang Präsidentin der Ökumenischen Vereinigung der Akademien in Europa – heute Oikosnet Europe. Zu dieser Vereinigung von über 70 Akademien und Laienbildungszentren in ganz Europa gehören Häuser in katholischer, orthodoxer und evangelischer Trägerschaft zwischen Moskau und Spaniens Süden, zwischen Finnland und Griechenland. Bis heute hat sich ein Netzwerk von Studienleiterinnen gehalten, das sich jährlich zu einer eigenen Tagung im Vorfeld der General Assembly trifft. Vertreten und aktiv in der Vereinigung und im Netzwerk ist auch das Frauen Studien- und Bildungszentrum in der EKD, das auf diese Weise seine Kontakte in die verschiedenen Regionen Europas intensiviert und die Kolleginnen auch dort bei ihrer Arbeit fördert und berät. Im vergangenen Jahr tagte das Oikosnet Europe in Bad Boll um dort sein sechzigjähriges Bestehen zu feiern. In Kooperation mit Gelnhausen luden die Boller Kolleginnen zu einer Tagung des Womens Network zu den Auswirkungen der demographischen Entwicklung in Europa auf die Frauen ein. Zurzeit planen wir eine Veranstaltung mit Kolleginnen aus anderen europäischen Akademien für den Ökumenischen Kirchentag in München. Marga Bührig hätte es sicher gefreut das die Vereinigung der Akademien aber auch ihr Frauennetzwerk immer noch streitbar beieinander stehen.
Was hätte Marga Bührig wohl diesem Haus zu seinem Neustart auf den Weg mitgegeben? Vielleicht dieses Zitat:
"Ich hoffe immer noch, dass die feministische Theologie nie zu einem in sich geschlossenen System wird und dass das Netz weit genug gespannt ist, um zum Beispiel matriarchale Spiritualität, wissenschaftliche feministische Arbeit an biblischen Texten und der ganzen kirchlichen Tradition, eine pneumatologisch ausgerichtete, vielleicht mit gnostischen Elementen gespeiste Spiritualität, eine prophetische Befreiungstheologie, die Neu-Interpretation von Symbolen und so weiter zu umfassen. Ein Netz ist kein Hut, unter den alle passen müssen, auch keine mit Mauern nach außen abgeschirmte Kirche. Ich träume von einem fein gesponnenen, vielfach verzweigten und geknüpften Netz von Schwesternschaft, die uns stark macht und die Gerechtigkeit, Frieden und Leben wachsen lässt." (Aus: Spät habe ich gelernt, gerne Frau zu sein. S. 220/221)
Dr. Hildburg Wegener, Frankfurt a. M.
Den folgenden Text über Gesine Hefft trug Dr. Hildburg Wegener anlässlich der Einweihungsfeier der neuen Räume des Frauenstudien- und -bildungstentrums in der EKD am 18.5.08 vor:
Ich spreche auch im Namen von Herta Leistner, die leider verhindert ist, und vieler Freundinnen und Freunde. Freundschaft war eines der Lebensthemen von Gesine Hefft. Lassen Sie mich mit einem kleinen Umweg über das Thema Familie beginnen. Nach dem Studium der Pädagogik, der Promotion und einer Stelle als wissenschaftliche Assistentin in der Ausbildung von Sonderschulpädagoginnen wurde Gesine Hefft 1981 Referentin für familienbezogen Bildung bei der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (DEAE) in Karlsruhe.
Von dieser Position aus hat sie neben vielen anderen Impulsen dazu beigetragen, dass die kirchlichen Verbände und Werke einen offenen und funktionalen Familienbegriff entwickelten und die Vielfalt der Lebensformen von Frauen nicht länger an der Institution der Ehe maßen. In mehreren, immer sehr genau ausgearbeiteten, wunderbar anschaulichen Vorträgen hat sie in Evangelischen Akademien, vor allem in Bad Boll zusammen mit Herta Leistner, und auf Kirchentagen gegen den Ehezentrismus in den Verlautbarungen der EKD argumentiert.
Sie hat sehr bewusst allein gelebt, aber ebenso bewusst Freundschaften gepflegt. „Das Netz der Lebensformen – Umrisse einer neuen Kultur des Zusammenlebens“ heißt einer ihrer Vorträge (Kirchentag Leipzig 1997). Alleinlebende in diesem Netz fühlen sich mitverantwortlich für Kinder von anderen Frauen mit anderen Lebensentwürfen. Gesine Hefft hat in diesem Netz jahrelang eine Freundin, deren Lebensgefährtin einen Schlaganfall hatte, in den Urlaub begleitet und sich mit ihr in der Betreuung abgewechselt, so dass für alle drei ein Stück Urlaub herauskam. Freundschaft im Netz der Lebensformen hatte für sie viel zu tun mit persönlicher Eigenständigkeit bei gleichzeitiger Beziehungsfähigkeit, mit dem Abbau traditioneller Wertehierarchien und Privilegien und mit der Verpflichtung auf soziale Verantwortung und Rücksicht auf die jeweils Schwächeren.
Als zweites Stichwort, das mir für Gesine Heffts Leben und Arbeit wichtig scheint, nenne ich das Stichwort Konzepte, und da bin ich schon beim FSBZ, das wir hier heute neu eröffnen. Gesine Hefft hatte eine besondere Fähigkeit, Konzepte zu entwickeln und in Strukturen umzusetzen. Sie gehörte 1987 zu der „Initiativgruppe“ von 12 Frauen aus verschiedenen kirchlichen Arbeitsfeldern, die einen eigenen Ort für Frauen in der Kirche, ein eigenes Zentrum, eine Akademie für Frauen in der EKD verwirklichen wollte. Träume und Visionen gingen bei Gesine Hefft Hand in Hand mit einer geordneten Reflexion. Das hieß: Problembeschreibung, Ist-analyse, Zielformulierung. Modelle der Umsetzung wurden diskutiert und vorläufig zu Papier gebracht. Als die EKD-Synode den Antrag auf Einrichtung eines Frauenstudien- und -bildungszentrum 1989 positiv beschied, wurde die EFD mit der Entwicklung einer Konzeption beauftragt. Es wurde eine Frau eingestellt, die eine umfassende Bestandsaufnahme der Angebote für Bildung und Forschung in der EKD und eine formale Konzeption nach allen Regeln der Kunst machte. Die Frau war gut und engagiert, aber eben nicht perfekt. Kurzerhand übernahm Gesine und schrieb das Konzept um, bis es so kurz, prägnant und umsetzbar war, wie sie es wohl von Anfang an im Kopf hatte.
Das dritte Stichwort schließt unmittelbar an: die Konzepte müssen zu Strukturen werden und Frauen dürfen sich die Umsetzung in Strukturen, die ihnen entsprechen, nicht aus der Hand nehmen lassen, sondern sie – meist gegen Widerstand – selbst durchsetzen. Gesine Hefft kannte und nutzte die verbandlichen Strukturen, die bei Gremienentscheidungen zu berücksichtigen sind. Sie entwarf die Ordnung des FSBZ, wurde Mitglied des Gründungskuratoriums und kämpfte mit den zuständigen EKD-Stellen um eine angemessene Ausstattung und möglichst weitgehende Entscheidungsfreiheit. Auch hier ging es in erster Linie um den Abbau von falschen Hierarchien, um Gerechtigkeit und Partizipation. Sie hat einige Kämpfe auch verloren, den um rotierende Leitung, um die gleichberechtigte Mitwirkung aller auch der Sekretariatsmitarbeiterinnen in den Gremien. Sie hat sich gründlich unbeliebt gemacht mit ihrer Sachkenntnis, ihrem klaren Denken und ihrer Konfliktfähigkeit, und ist nach einiger Zeit aus dem Kuratorium ausgeschieden. Aber sie war weiterhin eine wichtige Beraterin für Herta Leistner und die anderen Kolleginnen beim Aufbau des Programms und der Ausgestaltung des Hauses. Dabei hat sie den kämpferischen feministischen Ansatz von Frauenbildungsarbeit ebenso eingeklagt wie die theologische Relevanz und den zugleich ganzheitlichen Zugang und das künstlerisch anspruchsvolle Niveau.
Das vierte Stichwort ist Erwachsenenpädagogik. Das war das Grundmotiv ihrer gesamten Arbeit, dass Frauen (und Männer) als Erwachsene anders lernen als Jugendliche, dass sie Materialien und Methoden brauchen, mit denen sie selbstbestimmt umgehen müssen, die sie frei gestalten können und mit deren Hilfe sie sich in allen Altersstufen eigenständig weiter entwickeln können. Von ihr habe ich gelernt, meine Rolle in der Bildungsarbeit immer wieder neu zu reflektieren und vor allem zurückzunehmen. Eine erwachsenenpädagogische Form, die sie mitgestaltet hat, war die Mobile Frauenakademie, die seit den 80er Jahren unter Federführung der Evangelischen Frauenhilfe zweimal jährlich zu einem Wochenende zusammentrat. Die MoFa entwickelte sich zu einem selbst organisierten Forum für Frauen aus Ost und West, das von Gesine Hefft im Hintergrund mit organisiert und begleitet wurde. Das Programmfaltblatt enthielt, für eine wie mich zunächst ganz unverständlich, neben einigen wiederkehrende Elemente wie dem gemeinsam erstellten vegetarischen Buffet und dem gemeinsam gestalteten Schlussgottesdienst eigentlich nur das große, meist etwas um die Ecke formulierte Thema, ein zwei erläuternde Sätze oder Fragen und dann nur noch Beginn und Ende der Arbeitsphasen. Gerade in diesem Freiraum geschah Lernen.
Bevor ich auf ihr größtes und letztes erwachsenenpädagogisches Projekt eingehe, das Fernstudium Feministische Theologie, noch das fünfte Stichwort, das biographisch hier anschließt: Ost-West-Begegnung. Nach der Wende ließ sich Gesine Hefft von der DEAE beurlauben und ging nach Berlin, um in der Studien- und Begegnungsstätte der EKD in der Auguststraße mitzuarbeiten. Sie hatte schon im Rahmen der Erwachsenenbildung vielfältige Kontakte in die DDR gepflegt und die Kolleginnen im Aufbau der kirchlichen Erwachsenenbildung, wie sie sie verstand, unterstützt. Jetzt wollte sie zu dem gleichberechtigten Zusammenwachsen der Menschen und der Kirchen in Ost und West beitragen. Sie hat die Entwicklung in Berlin sehr genau verfolgt. Wer sie besuchte, den oder die nahm sie mit den Ostteil, zeigte ihnen typische Überbleibsel der DDR-Vergangenheit und diskutierte mit ihnen, welche Veränderungen sie beobachtete. In dieser Zeit hat sie viel mit der Kamera gearbeitet, blitzlichtartig Zeichen der Depression und des Aufbruchs festgehalten, zunächst für sich selber. Später hat sie auch in Bildungsveranstaltungen Frauen mit einem bestimmten Auftrag einfache Kameras in die Hand gedrückt.
Eines ihrer Projekte war, dass sie Erfahrungsberichte über die Gemeindepartnerschaften zwischen Ost- und Westdeutschland in einer Dokumentation zusammenstellte und auf Tagungen versuchte, dieses Modell zu reflektieren und auf eine neue Basis zu stellen: „Was eint uns, wenn uns nichts mehr trennt?“ – Als die Studien- und Begegnungsstätte aufgelöst wurde, beschloss Gesine Hefft, in Berlin zu bleiben. 1995 fand sie eine Stelle in der Evangelischen Erwachsenenbildung im Haus der Kirche, 1999 wechselte sie über in die Evangelische Familienbildung. Sie arbeitete auf einer Teilzeitstelle und musste trotzdem immer wieder Stellenstreichungen in ihrem Arbeitsbereich durch eigene Mehrarbeit auffangen. Auch das gehört zu den Lasten ihrer letzten Lebensjahre.
Aber jetzt zu Gesine Heffts größtem und letztem Projekt, dem Fernstudium Feministische Theologie, in Zusammenarbeit mit der EFD, dem Frauenstudien- und -bildungszentrum und der Arbeitsstelle Fernstudium der EKD. Sie hatte schon bei der DEAE Fernstudiengänge entwickelt und fand, dass diese Form des Selbststudiums ergänzt durch Direktkurse genau ihren erwachsenenpädagogischen Zielen entsprach. Jetzt wollte sie ihre Erfahrungen in den langen Jahren kirchlicher Arbeit speziell mit Frauen feministisch-theologisch zusammenbinden. Herta Leistner, Gesine Hefft und ich haben von den ersten Anfängen im Jahre 2001 bis zur Drucklegung der 7. Studieneinheit 2005 und dann bis zu Gesines Tod in der Koordination und Begleitung der Durchführung eng zusammengearbeitet. Während wir beiden anderen dann bald in den Ruhestand gingen, hat Gesine Hefft diese gewaltige Arbeitsleistung nebenher erledigt.
Gesine Hefft war – natürlich – zuständig für die Konzeptentwicklung des Fernstudiums, die erwachsenenpädagogischen Grundlagen und die Schulung der Trägerinnen und Tutorinnen. Außerdem hat sie mit mir zusammen die Entstehung des Studienmaterials redaktionell betreut. Und dabei haben wir die Aufgabe der Redaktion ziemlich extensiv ausgelegt. Und zeitweise Tag und Nacht gearbeitet. Ich habe ihr eigenständiges und engagiertes theologisches Denken bewundert und vor allem ihre Fähigkeit, einer zunächst einigermaßen ungeordneten Zusammenstellung von Texten eine logische Gliederung aufzuprägen, die den Anliegen der Autorinnen nicht Gewalt antut, sondern hervorhebt, was diese im tiefsten meinen. Dabei halfen ihr nicht nur ihr systematisches Denken sondern auch die Verinnerlichung der Grundsätze der Frauenbewegung. Wir Redakteurinnen hatten zusammen mit den Mitgliedern der Planungsgruppe auch jeweils die Verantwortung für einzelne Studieneinheiten. Gesine Hefft hat vor allem die Studieneinheit „Kirche“ zu ihrer eigenen Sache gemacht, in der auch eine Reihe ihrer Texte abgedruckt sind. Es war ihr selbstverständlich, dass Feministische Theologie keine Spielwiese ist, sondern auf das Kirchesein von Frauen (und Männern) zielt. Die Idee, die ganze Studieneinheit an einer Zeitleiste der Entwicklung feministischer Theologie unter Kirchenfrauen festzumachen, stammt von ihr.
Als das Fernstudium dann durchgeführt wurde, initiierte sie - Stichwort Nummer 5 - die Kooperation des Fernstudiumsangebots in den ostdeutschen Landeskirchen und übernahm die Koordination samt Direktkursen und Auswertung, auch das eine ungeheure zusätzliche Arbeitsleistung. Aber diesen Durchgang des Fernstudiums wollte sie noch selber aktiv begleiten, und das hat sie bis zur Zertifikatsvergabe im Februar 2007 durchgehalten. Für die Trägerkreissitzung des Fernstudiums im März 2007 im FSBZ, die sie noch mitgeplant hatte, konnte sie dann nur noch ihre vorbereiteten Unterlagen schicken. Während dieser Sitzung fiel immer wieder der Satz: „Gesine hätte gesagt ….“ „So wie ich Gesine verstanden habe“ – und das bezog sich dann immer auf das reflektierte, disziplinierte Festhalten an ihren erwachsenenpädagogischen Grundsätzen. Wir alle, die wir das Glück hatten, mit Gesine Hefft zusammenzuarbeiten, werden unsere eigene Arbeit noch lange selbstkritisch an ihrem Vorbild ausrichten: …
Am 20. Mai 2007 also ist Gesine Hefft mit knapp 63 Jahren gestorben, wenige Wochen vor dem Beginn ihrer Altersteilzeit und dem Ruhestand, für den sie sich so viel vorgenommen hatte. Acht Wochen vorher war festgestellt worden, dass die Schmerzen, die sie seit langem ertrug, auf einen aggressiven Lungenkrebs mit Knochenmetastasen zurückzuführen waren. Nach einer ersten Operation konnte man ihr wenig Hoffnung geben. Sie entschied sich gegen weitere Therapien und ging, schon geschwächt, in ein Berliner Hospiz. In ihren letzten Wochen wurde sie von einem Kreis von Freundinnen begleitet. In ihrer Traueranzeige schrieben sie: „Im Dialog und Diskurs mit vielen Menschen hat sie beruflich und persönlich Zeichen gesetzt. Sie, die Meisterin der Konzepte und Strukturen, konnte ihr Leben eigen und zugewandt weitgehend auch in ihrer letzten Lebensphase leben.“
Zum Schluss ein Zitat aus ihrem Abschiedsbrief an Freundinnen und Freunde, Kolleginnen, Kollegen, die ihr geschrieben haben (30.4.2007) aus dem Ricam Hospiz „Von Tag zu Tag habe ich ein bisschen weniger Lautstärke und Luft, um die Buchstaben zu artikulieren. Einen Brief, eine Karte kann ich aufmachen und immer wieder in die Hand nehmen, eine A-Dur-Sonate an die einer von Euch mich erinnert, kann ich passagenweise in meinem Gedächtnis ‚hören’. Und wenn beides nicht geht, kann ich mich daran erinnern, dass da ein Brief und eine Absenderin, ein Absender war, und dass wir einen Schatz gemeinsamer Erfahrung haben. Die einen von Euch sind wütend, traurig und können es nicht verstehen, dass ich keine Bestrahlungen und keine Chemotherapie machen lasse – die anderen würden es auch so gemacht haben (wollen)...“
wurde am 25.7.1903 in Breslau geboren
1922 Beginn des Studiums: Deutsch, Geschichte, Religion für das Lehrfach.
1926 Studium der Theologie in Breslau, ab dem WiSe 1926/1927 in Marburg.
1928 Erstes theologisches Examen
am 22. Dezember 1928, wird sie als erste Frau an der theologischen Fakultät Marburg mit einer Arbeit zum Thema: „Augustins Schöpfungslehre nach seinen Genesisauslegungen“ promoviert.
Katharina Staritz wird anschließend ins Lehrvikariat der Kirchenprovinz Schlesien übernommen und legt am 9. März 1932 das Zweite theologische Examen ab.
Da sie als Frau keine Gemeinde übernehmen kann, arbeitet sie ab 1933 als nicht-ordinierte „Stadtvikarin“ bei der Kreissynode Breslau-Stadt als Abgestellte. Dort ist sie u.a. zuständig für die Seelsorge in einem Kinderkrankenhaus, Konfirmandenunterricht und den Übertrittsunterricht für Jugendliche, Frauen und Juden.
6. November 1938 Ordination (mit eingeschränkten Rechten) und Verbeamtung auf Lebenszeit.
Nach der Pogromnacht am 9./10. November 1938 entwickelt sich die Betreuung der schlesischen Juden und Jüdinnen zu einem eigenen Schwerpunkt der Arbeit. In diesem Jahr richtet der Pfarrer Heinrich Grüber mit einigen Mitgliedern der Bekennenden Kirche (BK) eine „Kirchliche Hilfsstelle für nichtarische Christen – Büro Pfarrer Grüber Berlin“ ein. Hier werden Juden und Jüdinnen bei der Auswanderung zu beraten und Adressen in aufnahmewilligen Ländern und die notwendigen Devisen beschafft, hinzu kommen allgemeine Beratungen und Hilfeleistungen. In verschiedenen Landeskirchen und Kirchenprovinzen werden „Vertrauensstellen“ geschaffen. Katharina Staritz wird am 1. Dezember 1938 „Leiterin der Vertrauensstelle Breslau (Schlesien)“. Mehr als hundert Christinnen und Christen jüdischer Herkunft können mit ihrer Hilfe emigrieren. Das Berliner Büro wird 1940 durch die Geheime Staatspolizei geschlossen, Pfarrer Grüber verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert.
Katharina Staritz weist am 12. September 1941 in einem Rundbrief an die Breslauer Pfarrer über die ausgrenzende Bedeutung der Polizeiverordnung über das Tragen des gelben Judensternes hin, die auch viele evangelische Christinnen und Christen jüdischer Herkunft und ihre Kinder betrifft. Sie fordert die Breslauer Gemeinden auf, sich für sie einzusetzen. Das Breslauer Konsistorium distanziert sich in einem Schreiben an sämtliche Pfarrer, Pfarrvikare und Vikare der schlesischen Kirchenprovinz. Abschriften des Rundschreibens erreichen höchste Stellen der NS-Hierarchie. Am 21. Oktober 1941 wird Katharina Staritz zwangsbeurlaubt und aus Breslau ausgewiesen. Damit endet die offizielle Arbeit der Vertrauensstelle Breslau.
Katharina Staritz geht nach Marburg und nimmt dort ihr Studium wieder auf. Aushilfsweise übernimmt sie Gottesdienste und Religionsunterricht. Am 4. März 1942 wird sie von der Geheimen Staatspolizei verhaftet. Einen Monat lang ist sie im Polizeigefängnis Kassel, zwei Monate im Arbeitshaus Breitenau und etwa ein Jahr im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück bei Neustrelitz/Mecklenburg inhaftiert. Sie wird als politische Gefangene geführt.
Am 18. Mai 1943 wird sie durch vielfältige Fürsprache entlassen. Sie kehrt nach Breslau zurück, wird aber von der Gestapo überwacht. Die grausamen Erfahrungen in der Haft haben sie verändert und ihre Gesundheit beeinträchtigt.
1945 übernimmt die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck sie in ihren Dienst, kann sie jedoch aufgrund der landeskirchlichen Gesetzgebung nicht mit den Rechten einstellen, die sie in Breslau besessen hatte. Katharina Staritz kämpft für die Gleichstellung von Frauen als Pfarrerinnen. Sie wechselt 1949 in die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau und erkämpft es sich, als Leiterin der Frauenhilfe auch in eine Gemeinde mit vollem Auftrag für Predigt und Sakramentsverwaltung eingebunden zu sein. Als erste ordinierte Theologin im Beamtenverhältnis in der Landeskirche von Hessen und Nassau nimmt sie am 1.4.1950 ihren Dienst auf.
Am 3. April 1953 stirbt sie in Frankfurt am Main
Erhart Hannelore / Ilse Meseberg-Haubold / Dietgard Meyer, Katharina Staritz 1903-1953. Dokumentation Bd. 1: 1903-1942. Mit einem Exkurs Elisabeth Schmitz, Neukirchen-Vluyn 1999.
Eine Einrichtung des Comenius-Instituts im Arbeitsbereich Gender / www.comenius.de

